"Das öffnet ein neues Universum"

Zum 25er von Dans.Kias ist Saskia Hölbling erstaunt, wie viel sie geschaffen - und dass sie durchgehalten hat.

VON ISABELLA WALLNÖFER

Lang ist’s her, dass Saskia Hölbling – damals gerade 20 Jahre alt – ihre Eltern mit der Auskunft irritierte, sie werde das Studium der Biochemie und der molekularen Mikrobiologie an den Nagel hängen, um Tanzpädagogik zu studieren und Choreografin zu werden. Der zeitgenössische Tanz war noch ein sehr exotisches Fach, das Konservatorium der Stadt Wien die einzige Ausbildungsstätte überhaupt in Österreich, die ein ent- sprechendes Studium anbieten konnte. Obwohl sie nie eine Ballett- oder Tanzschule besucht hatte, wollte Hölbling unbedingt Choreografin werden. 


Auf die Idee gebracht hatten sie Vorführungen des Serapionstheaters und die Workshops beim Tanztheater Homunculus. „Ich war fasziniert, wie Theater sein kann: Ganz ohne Worte.“ Sie ging ihren Weg, gründete mit Dans.Kias sogar ihre eigene Compagnie. Das war vor 25 Jahren. „Es ist erstaunlich. Man ist immer so inmitten der Dinge, dass man sich, außer man hat ein Jubiläumsjahr, gar nicht gewahr wird, wie lang man schon arbeitet.“
Oder wie viel.

Anlässlich des Jubiläums zählte sie nach, wie viele Premieren sie in diesen zweieinhalb Jahrzehnten choreografiert hat: Sie kam auf 40 – bis auf zwei, drei Ausnahmen alles abendfüllende Programme. Möglich wurde das auch, weil sie sich – mehr oder weniger notgedrungen – im Zuge ihrer Ausbildung auch international umgesehen hat. „Ich habe rasch herausgefunden, dass das Studium in Wien allein nicht reichen wird für das, was ich machen möchte – nämlich Stücke zu choreografieren“, erzählt Hölbling. Und so kam sie an Anne Teresa De Keersmaekers mittlerweile weltberühmte Ausbildungsstätte P.A.R.T.S., die damals erst in Entstehung war. „Für mich ist ein Universum aufgegangen“, schwärmt Hölbling.

„Ich habe beispielsweise davor neun Jahre Querflöte gespielt und hatte sehr oft schon die Formenlehren und diesen ganzen theoretischen Hintergrund durchgemacht, aber durch Georges-Elie Octors vom Ictus Ensemble und Fernand Schirren, den Rhythmus-Lehrer an der Mudra-Schule, sind mir wirklich die Augen aufgegangen.“ Bei P.A.R.T.S. lernte sie zeitgenössisches Ballett und Tanztechniken wie Release oder jene von Merce Cunningham und Pina Bausch. Das sei alles „sehr spannend“ gewesen. Trotzdem fuhr sie parallel zu dieser Ausbildung jedes Wochenende nach Wien, denn ihre Compagnie hatte sie zu dieser Zeit schon.

„Wollte nie Tänzerin sein.“ Was hat sie eigentlich so mutig gemacht, eine eigene Compagnie zu gründen? „Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Warum eigentlich? Ich war ja schon eingeloggt mit der Biochemie. Und dann war da diese Faszination für das nonverbale Theater – damit bin ich eingetaucht in die Körperwelt des Tanzes. Aber ich wollte nie tanzen, um Tänzerin zu sein. Ich wollte Stücke machen.“ Und so gut es ihr auch in Brüssel gefiel, wo die Möglichkeiten im zeitgenössischen Tanz viel umfangreicher waren – sie wollte schon nach Wien zurück. „Ich hab’s dann einfach gemacht.“

Es gab hier auch eine Aufbruchsstimmung. „In Wien war noch nicht so viel los. Hier gab es einiges aufzubauen.“ Die Szene machte Druck – und es kam zur Gründung des Tanzquartiers. „Da kam ich gerade von Brüssel zurück und habe ,Do your desires still burn?‘ gemacht – das war für mich der Durchbruch international. Kurz danach wurde das Tanzquartier eröffnet und Sigrid Gareis hat mich eingeladen, zu eröffnen.“

Spätestens seit damals kannte man sie auch in der Wie- ner Szene. „25 Jahre ist eine lange und fruchtbare Zeit – immer noch. Was ich aber schon feststelle: Dass es nicht so leicht ist, sich in dieser Stadt über eine so lange Zeit zu behaupten“, sagt Hölbling. Just im Jubiläumsjahr sind Dans.Kias aus der für freischaffende Künstler so wichtigen Zwei-Jahres-Förderung der Stadt Wien rausgefallen. „Wir haben zwar eine Projektförderung bekommen, aber auch nicht die Summe, die wir eingereicht hatten. Also müssen wir den Gürtel heuer so eng schnallen wie noch nie.“ Denn im zeitgenössischen Tanz sei es praktisch unmöglich, Sponsoren zu finden.

Und auch von Kartenverkäufen gibt es kein Auslangen. „Wenn nicht einmal ein Musical in der Stadt Wien sich halten kann nur über Karteneinnahmen, kann man sich ungefähr vorstellen, dass das der zeitgenössische Tanz schon gar nicht kann.“ Dass man ihr und ihrer Truppe die Förde- rung jetzt kürzt, sei „zynisch“: „Wir haben ein Jubiläum. Wir hatten zuletzt viel positive Medienresonanz. Wir haben uns selbstständig behauptet in der Stadt. Wir beziehen einen klaren Standpunkt – der ist nicht unbedingt Mainstream, aber wir entwickeln uns weiter. Und dann sagen die Kuratoren: Jetzt müssen wir das nächste Stück anschauen, um zu entscheiden, wie es weitergeht. Da fühle ich mich gefrotzelt.“

Raum für Berührung. Ihr neues Stück „Through Touches“ (Vorstellungen waren für Anfang April geplant, mussten aber abgesagt werden) ist Teil eines Zyklus, der mit „Corps à corps“ (2016) begann und zu dem auch „Corps suspendus“ (2017) und „Things“ (2018) gehören. „Through Touches“, das sei „wieder ein neues Universum, das sich öffnet“, sagt Hölbling.

„Es geht darin um eine Sache, die omnipräsent ist: die Berührung. Das ist eine Hand, die aufgelegt wird. Aber eine Berührung kann auch durch einen Blick entstehen. Wenn man dem Raum und Zeit einräumt, sich wirklich aufeinander ein- lässt, dann kann man einander wieder begegnen.“ Sie habe „total Lust“ gehabt, mitzutanzen, sich dann aber doch herausgenommen. „Ich hoffe, beim nächsten Stück wieder.“