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DA-NACH

Uraufführung 1. März 2019, Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien // Wien/AT

Ein Stück Hoffnung in der Apokalypse

Gleich vorweg: „Da-nach“ ist eine kleine, aber umwerfende Produktion (…) und: Man sollte sie sich nicht entgehen lassen, denn: So eine österreichische Tanzproduktion, die derart stimmig, gescheit, in sich schlüssig, mit einer tollen Choreografie und einem genialen Sound versehen ist, muss erst einmal gesucht werden. (…)

Der Kreativität von Gudrun Lenk-Wane ist es zu verdanken, dass die Arte-povera-Requisiten nicht auf eine billige Produktion verweisen, sondern passend und immer wieder Staunen auslösend zum Einsatz kommen. (…)

Das Großartige an dieser Produktion ist, dass sie ein Gesamtkunstwerk darstellt. Und zwar keines, das sich diesen Terminus protzend an die Marketingfahnen hängt. Bühne, Choreografie und Musik, aber auch die Dramaturgie der Geschichte an sich überzeugen ohne jegliche Abstriche. Sie ist hochaktuell, zugleich aber auch von archaischer Wucht. In „Da-nach“ wird nüchtern dem triebhaften Menschsein eine zweite, ganz andere Seite gegenübergestellt, die in den derzeitigen Dystopiediskursen meist gar nicht vorkommt: Nämlich jene der Empathie, des gemeinsamen Tuns und Helfenwollens – was schließlich auch zum Überleben der Spezies Mensch in diesem speziellen Kontext beiträgt.

Es mag wohl auch diese so erlösende Aussicht auf eine allerorten düster prognostizierte Zukunft sein, die dieses Stück zeitgenössischen Tanz so überaus beeindruckend erscheinen lässt. Chapeau, chapeau und: Danke dafür!

(Michaela Preiner, European Cultural News)


DANS.KIAS : Da-nach

Braucht die Menschheit wirklich erst die Katastrophe, um sich ihrer Größe zu erinnern? Keimt erst aus dem Ruin der Samen der Menschlichkeit? Saskia Hölbling zeichnet mit ihrer jüngsten Arbeit ein Bild des Menschen, der sich, reduziert auf seine bloße Existenz, als empathisches, solidarisches Wesen, als Mensch im besten Sinne erweist. Großartig performt und im perfekten Zusammenspiel mit Sound und Licht ist „Da-nach“ ein zutiefst humanistisches Werk. Nietzsche ließ seinen Zarathustra fordern: „Neue Tafeln setzt mir, meine Brüder! Neue Tafeln mit neuen Werten!“ Saskia Hölbling setzt sie.

(Rando Hannemann, Tanz.at)

Leben im Treibgut

Irgendwo im Nirgendwo, verschollen und einsam, verloren - und doch nicht verloren: Das sind die Figuren in Saskia Hölblings einstündigen Tanzstücks „Da-nach“. (…) Wolfgang Mitterer, einer der interessantesten österreichischen Komponisten, hat die Musikkulisse geschrieben, die so gefährlich, beklemmend, aufregend, aber auch immer irgendwie bekannt wirkt. (…)

Hölbling entwickelt eine Figurenaufstellung, die tastend die neue Umgebung erforscht. (…) Was in einer knappen Stunde gelingt, ist eine gekonnt gemachte Studie des Menschlichen: Gemeinsam entwerfen die ausgezeichneten Tänzer eine düstere, aber nicht hoffnungslose Atmosphäre der Verlorenheit. Und schaffen eine Einheit in Hölblings Gestaltung, die in ihren Bann zieht!

(Oliver Lang, Kronenzeitung)


Radikal unbunt: Saskia Hölblings Tanzstück „Da-nach“

Die Welt ist baden gegangen. Aber immer- hin: Ein paar Leute konnten sich retten! Im neuen Tanzstück „Da-nach“ der Wiener Choreografin Saskia Hölbling treiben sie auf einem instabilen Floß aus Gerümpel auf dem Holzboden eines weiten Raums im Semperdepot. (…)

Vielleicht sitzt ja der Schock über den großen Untergang zu tief, möglicherweise hatten die Überlebenden jenes (unbenannt bleibende) Ereignis, das sie auf ihr Floß getrieben hat, vorausgesehen. Jedenfalls müssen sie jetzt ohne all das zurechtkommen, was zuvor so wahnsinnig wichtig war. Denn was sie außer ihrem Floß noch besitzen, tragen sie als Klei- dung an ihren Körpern. Also klettern sie umher, an- und übereinander, in scheinbar sinn- und zielloser Geschäftigkeit. Bis sie begreifen, dass sie als zusammengewürfeltes Grüppchen immerhin ihre Gemeinschaft haben.
Hölbling verzichtet darauf, aus dieser kläglichen Situation die üblichen Dramen hochzupäppeln – also kein Kampf, kein Messer, kein Haifisch mit Zäh- nen im Gesicht. Nur ein geduldiges Suchen und Ver- suchen, irgendwie zusammenzufinden. (…)

Das Geschehen auf dem Floß wird von Wolfgang Mitterers bildhaften Soundtrack-Klängen beharrlich durch die Wellen der Zeit getragen. Am Ende hat das Publikum die Mühen einiger Typen gesehen, die nichts offenbar Besonderes an sich haben. In unserer Gegenwart knalliger Ich-Inszenierungen ist gerade die Unbuntheit der Tänzer im Stück „Da-nach“ ein radikales Statement.

(Helmut Ploebst, Der Standard)


Vom Überleben nach der Katastrophe

Was passiert „Da-nach“? Ein ständiges Aufbäumen gegen Kräfte von außen, die zu einer energiegeladenen, schnörkellosen und bedrängten Körpersprache führen. (…)

Was diese Choreografie stark macht, ist die direkte Vermittlung des Suchens nach der eigenen Position, des Weiterlebens nach einer nicht näher definierten Katastrophe, in der man zunächst gezwungen ist, die Konzentration auf sich zu lenken. (…)

Die Körpersprache bleibt als einziges Kommunikationsmittel intensiv und dicht. (…) Die emotionale Wirkung auf das Publikum wird durch den kurzen, eindringlichen Auftritt des neunjährigen Oskar Mitterer noch gesteigert, der sich schnell und voll konzentriert in diese Gemeinschaft von Menschen auf der Flucht integriert.

(Silvia Kargl)

THINGS
Uraufführung 1. März 2018, Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien // Wien/AT
 

Kronenzeitung

Es sind ganz gewöhnliche Alltagsgegenstände, die diesmal Hauptdarsteller der Performance werden: „Things“, der neue Abend der Choreographin Saskia Hölbling, stellt im Semperdepot alles Unauffällige, vom Sonnenschirm bis zum Reifen, in den Mittelpunkt. Ein 80-minütiges Schau-Spiel mit zelebrierter Achtsamkeit. (…)

Das alles hat der österreichische Komponist Wolfgang Mitterer mit bruchstückhafter Musik unterlegt. Da fliegen einem Zitate bekannter Werke von Strawinski bis Tschaikowski um die Ohren, um dann wieder in kleine Partikel zu zerfallen. Zuletzt: herzlicher Applaus! 

(Karl-Heinz Roschitz)

Der Standard

Was sich da an Zeug auf einem Tanzboden häuft, bildet ein kunstvoll arrangiertes Chaos. Hölbling und ihre vier Tänzer Ardan Hussain, Leonie Wahl, Jan Jakubal sowie Anna Hein machen kein Hehl daraus, dass sie diese Landschaft aus Plastikplanen, Schläuchen, Sturzhelmen, Behältern, Koffern, Säcken et cetera beherrschen. (…)

Citizen Kane wurde, wie sich in Orson Welles' Film von 1941 herausstellt, zum Messie auf der Suche nach dem Symbol seines verlorenen Kinderglücks – einem Schlitten der Marke Rosebud. Ein ähnlicher Holzschlitten findet sich auch unter Hölblings Dingen. Das könnte eine Anspielung auf "Citizen Kane" sein. Zumal die schöne Anfangsszene des Stücks in ein Licht getaucht ist, das die Bühne in ein beinahe perfektes Schwarzweißbild verwandelt und Wolfgang Mitterers mit diesem Bild einsetzende Komposition an eine Filmmusik erinnert. (…)

Die Poesie ermöglicht den Triumph des Menschen über den Mahlstrom der ihn umschwirrenden Dinge. Das poetische Spiel kann ihn davor bewahren, von diesem Wirbel in den Hades der Depression gezogen zu werden. 

(Helmut Ploebst)

Kulturfüchsin

Aus Lumpensammlern werden Feldherren, die mit ihren Untertanen zu einem Prozessionszug aufbrechen und gegen Ende zu einem einzigen Organismus verschmelzen – die Grenzen zwischen Mensch und Ding scheinen aufgelöst – irgendwann wabert ein symbiotisches Wesen aus Mensch und Müll durch den Raum.
Ein Raum, der sich erneut für Tanzproduktionen wie geschaffen präsentiert.

(Sandra Schäfer)

 

CORPS SUSPENDUS
Uraufführung 3. März 2017, Atelierhaus der Akademie der bildenden Künste Wien // Wien/AT

Der Standard

Beeindruckende Uraufführungen von Saskia Hölbling im Semperdepot 

Es ist eine Falle. Zwei Männer und zwei Frauen verheddern sich in einem großen Netz aus schwarzen Stricken, das eine verborgene Arachne in einen weiten, unheimlichen Raum gespannt hat. (…)

Die versteckt bleibende Spinnerin ist der Schlüssel zu diesem Stück, mit dem auf die Verödung des großen Vernetzungsenthusiasmus der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte angespielt wird: Auf die, wie Hölbling zu dieser Arbeit schreibt, "vielen Ichs zwischen Konsum-Oasen und Müllhalden" und auf "die Vielen im Treibsand zwischen Erfolg und Überflüssigkeit". Anzunehmen also, dass die abwesende Arachne hier für das steht, was bei unserem globalisierten Netzwerkgetriebe im Verborgenen die Fäden zieht und davon profitiert. (…)

Die Figuren in Hölblings Gespinst sind definitiv Angehängte, die sich ihres Abgeschobenseins noch nicht bewusst sind. (…)

Sie können vom Netz nicht lassen, denn es ist ein Fetisch, der seine Bewohner benommen macht. Hölbling nennt es "eine kleine Weltmaschine". Die darin Abgehängten tragen das Schwarz dieser Maschine, die sie nie ins Gleichgewicht kommen lässt, die weder Halt noch Ruhe erlaubt und die suggeriert, es gäbe kein Außen. 

Helmut Ploebst


Kronen Zeitung

Mit erstaunlicher Sicherheit und Eleganz turnen, robben, klettern, hanteln die vier Performer durch das Netzwerk. Und lassen dabei durchaus literarische Bezüge erkennen - unwillkürlich erinnert man sich der Nornen in Wagners „Götterdämmerung“, die Schicksalsseile ziehen und Netzwerk spinnen. Allerdings beschwört Hölbling nicht die Wagnersche Katastrophe, das Reißen des Seils, das das Ende der Alten Welt ankündigt. (…)

Wolfgang Mitterer, prominenter Organist, Elektroniker und Komponist, gestaltete die Musik vom Band: Ein Wechselbad aus raffinierten Klängen, Farben, Instrumententönen, Geräuschen, ein kunstvoll gestaltetes, in sich beziehungsreiches Klangnetzwerk für Hölblings Inszenierung und Choreografie. Viel Beifall.

Karl-Heinz Roschitz


Kurier

Eine kleine „Weltmaschine“ hat Gudrun Lenk-Wane im Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste (besser bekannt als Semperdepot) errichtet. (…)

In kurzen (Augen-)Blicken der Nähe zeigt Hölbling Momente gegenseitiger Abhängigkeit, körperlicher Auslieferung. Immer wieder aber wird die potenzielle und vielleicht tatsächliche Geborgenheit durch neue Alleingangsversuche im Seil-Labyrinth durchbrochen. Doch wer steht zuletzt ganz oben? Und wer stürzt gänzlich ab? Gibt es so etwas wie Solidarität?

Das sind Fragen, die sich Hölbling in „Corp suspendus“ stellt, die ihre vier exzellenten, in Schwarz gekleideten Performer (Anna Hein, Ardan Hussain, Jan Jakubal, Leonie Wahl) auf sehr akrobatische Weise und in stets neuen Konstellationen zu beantworten versuchen. (…)

Genaues Hinsehen ist gefordert. Wer sich jedoch auf Hölblings klare, strukturelle Formsprache einlässt, wird reich belohnt und kann zwischen den Seilen richtig gut abhängen.

Peter Jarolin

 

CORPS À CORPS
Uraufführung 25. Feb. 2016, Odeon, Wien/AT

Kronen Zeitung

Vier TänzerInne erobern mit kreisenden Bewegungen den Bühnenraum. Die Szenen verdichten sich. Menschliche Körper und ausgezehrte Marionetten geraten aneinander, werden zum Knäuel, zum Menschen-Müllhaufen, zur vibrierenden Skulptur: Saskia Hölbling zeigt im Odeon ihr neues Stück „Corps à Corps“. (...) 



Wolfgang Mitterers spannende kompositorische Arbeit voll raffinierter Strukturen, Klangfarben und Geräuschen verdichtet die Bilder. Manchmal wie in einem Gruselfilm. Eine Szenerie irrlichternder Gestalten in einer Tod inhalierenden Welt. Atmende Totenberge! Voll dunkler, Schreckliches ahnbarer Momente. Man kann diesen Tanz aber auch nur vom choreografischen Konzept Saskia Hölblings her sehen: Als Bewegungsspiele, die ihre Spannung aus Verdichtung und Auflösung, aus dem gegensatzvon Mensch und Nicht-Mensch und der gegenseitigen Beeinflussung sehen. Spannend!



Karlheinz Roschitz





Tanzschrift

Mit acht Körpern, zwei Tänzerinnen, zwei Tänzern, vier weiß gekleideten kopflosen Puppen, zeigt Saskia Hölbling im Odeon das Untergehen des Individuums in der Masse. Ausbruch ist kaum noch möglich, die Menge fängt den Einzelnen immer wieder ein. Mit einer fremden, neuen Körpersprache zaubert die Choreografin schöne, eindrucksvolle Bilder. Körper im Nahkampf.

 (…)

Wesentlich für diese beeindruckende (auch etwas bedrückende) Performance ist die eigens dafür komponierte Musik von Wolfgang Mitterer. Unheimlich droht sie, treibt die Tänzer_innen an und hält sie auf, in den vier Solos scheint es, als würden sie gegen den Sturm der elektronischen Töne ankämpfen. 

(…)

Das Publikum im voll besetzten Odeon ist beeindruckt, der Applaus intensiv aber verhalten. Saskia Hölbling, deren Ensemble DANS.KIAS seit mehr als 20 Jahren besteht, zeigt immer wieder, dass sie nicht bei einmal Erreichtem stehen bleibt. 
Mit „Corps à Corps“, der durch Tanz und Musik doppelten Uraufführung, hat sie nach dem dreiteiligen Squatting Project“ eine neue Ebene erreicht, mit ihrem ausgezeichneten Team einen nie gesehenen Bewegungskanon entwickelt. 

Ditta Rudle





Der Standard

Hölbling hat auf zwei ihrer früheren Werke zurückgegriffen: "Assemblage humain", ein Solo mit Puppe, das Impulstanz im Vorjahr zeigte, und auf das mit dem französischen Künstler Laurent Goldring entstandene "body in a metal structure" von 2012. Aus einer weißen Puppe sind bei "Corps à Corps" vier geworden und aus einer Metallstruktur zwei Gestelle. Auf der Bühne konfrontieren sich zwei Frauen – exzellent: Adriana Cubides – und zwei Männer mit den lebensgroßen Gliederfiguren. 



Der Tanz ist ein Antipode zum Posthumanismus, darauf baut auch Saskia Hölbling. In "Corps à Corps" liegt der dem Zeitgeist entsprechende Jammer um den anfälligen und sterblichen Körper fern. (…)

In seiner zweiten Hälfte wird das Stück zunehmend planlos. Möglicherweise ist das Absicht. Denn es könnte sein, dass die Choreografin so die Plan- und Ratlosigkeit widerspiegeln will, mit der menschliche Körper sich selbst und ihrer Organisation gegenüberstehen. Wenn das stimmt, wäre "Corps à Corps" ein gelungenes Statement, das diese Verwirrung nur nicht radikal genug vorträgt. Der Tanz endet im Aufgeben vor unlösbaren Problemen. 

Die bis zur letzten Sekunde überzeugende Musik kommt von Wolfgang Mitterer, von Gudrun Lenk-Wane die Puppen, und Gerald Pappenberger ist für das im Rhythmus ständig drohenden Verlöschens komponierte Licht verantwortlich.

 

Helmut Ploebst



BODIES IN TUBES
Uraufführung 10. Okt 2014, Tanzquartier Wien, Wien/AT)

Der Standard

Zwei Körper versuchen, sich in eng aneinandergehängten Schuttrutschen zu halten.Wie in ihren beiden Vorgängerarbeiten, "body in a metal structure" und "bodies (with)in fences", lässt Hölbling auch hier dem Unheimlichen seinen scheinbar abstrakten Lauf. Wieder ein Gestell, aus dem der Körper nicht herausfindet. Doch hier wird das Klaustrophobische unserer Existenz am Radikalsten sichtbar gemacht: als Körper, die nur noch Abraum der sie beherrschenden Systeme sind. 

Helmut Ploebst


Kurier

"bodies in tubes", das neue Stück von Saskia Hölbling im Tanzquartier, ist zugleich Abschluss der Serie "Squatting Projekts", die in Zusammenarbeit mit Laurent Goldring entstand.

Die Projekte thematisieren das Verhältnis von Körpern zum urbanen Raum. Diesmal steht eine Installation mit Schuttrutschen von Goldring und Gudrun Lenk-Wane auf der Bühne. Die interessante Choreografie ist im Halbdunkel nur schemenhaft erkennbar. Hölbling und Rotraud Kern füllen die beweglichen Rohre ("tubes"), verschwinden darin, als ob sie Schutz suchen. Körperteile ragen heraus, bis die Performerinnen jede Fuge der Installation erkunden. Dabei verstärkt sich der Eindruck eines Raumes, der sich wie eine Zwangsjacke über ihre Körper stülpt. 

Silvia Kargl

 

BODIES (WITH)IN FENCES
Uraufführung 23. Jän 2013, WUK, Wien/AT

Der Standard

Brillant: Das Tanzstuck "bodies (with)in fences" von Saskia Holbling und Laurent Goldring

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Unsere Gesellschaft ist eine permanente Baustelle. Eine, die auf allen Ebenen von Zaunen durchzogen und mit Gittern gesichert wird. Wie sich diese Politik der Sperrung anfuhlt, veranschaulichen die osterreichische Choreografin Saskia Holbling und der franzosische Kunstler und Philosoph gerade mit ihrem beklemmenden Tanzstuck "bodies (with)in fences" im Wiener Wuk. (...)


Nach "body in a metal structure" ist "bodies (with)in fences" die zweite Zusammenarbeit von Saskia Holbling und Laurent Goldring. Das erste Stuck war schon ein Erfolg. Das neue nun trifft so richtig ins Schwarze. 

Helmut Ploebst


tanz.at

In einer Installation aus Baugittern arbeiten drei Körper, untersuchen die Möglichkeiten der Fortbewegung, überwinden Barrieren und sind am Ende dort, wo sie begonnen haben. Saskia Hölbling und Laurent Goldring haben auch die zweite Folge ihres „Squatting Projects“ für den öffentlichen Raum konzipiert, um das urbane Umfeld zu bereichern. Die Premiere fand im Projektraum des WUK statt. (...)



Eine durch ihre Schwierigkeit und den körperlichen Einsatz aufregende Performance, die im freien Raum (innen oder außen) noch intensiver zu erleben wäre. Im kleinen Projektraum des WUK ist das Publikum auf zwei Seiten der Installation aufgeteilt und sieht quasi nur die Hälfte der bewegten Körperbilder. Herumgehend immer wieder die Perspektive zu ändern, würde höheren Gewinn bringen. Die nächsten Aufführungen des eindrucksvollen Projekts stehen noch nicht fest, doch werden die „Körper (mit) in Zäunen“ im Lauf des Jahres sicher (wie ja der erste Teil des „Squatting Projects“ von Hölbling/Goldring „body in a metal structure“ auch) an mehreren Orten, mit oder ohne Dach darüber, zu sehen sein.

 

Ditta Rudle

 

BODY IN A METAL STRUCTURE

Uraufführung 3. Mai 2012, donaufestival krems, Krems/AT

Der Standard

Eine Frau in schwarzen Hosen und schwarzem Shirt – Hölbling selbst – platziert sich Kopf nach unten in einem gut vier Meter hohen Gestell aus Metallröhren, wie sie für Baugerüste verwendet werden. Die geplant instabile Konstruktion (von Gudrun Lenk-Wane) besteht aus einer Pyramide innerhalb eines Würfels. Darin bewegt sich die Tänzerin eine Stunde lang, klettert hoch, lässt sich wieder zu Boden, hängt an den Verstrebungen und rüttelt an ihnen. Das Gestell hält das zwar aus, aber vor allem seine äußeren Teile schwanken gefährlich. Der Symbolwert des Ganzen ist beachtlich. Der Philosoph Martin Heidegger war begeistert von der Idee des „Ge-stells“. Für ihn steht es für alles, was „den Menschen herausfordert, das Wirkliche als Geschaffenes zum Vorschein zu bringen“. (...)



Für Hölbling ist diese Arbeit das erste Statement in einer ganzen Reihe künftiger „Squattings“, Besetzungen von öffentlichen Plätzen. Der Anfang ist gemacht – und absolut gelungen. 

Helmut Ploebst





Kronen Zeitung

Im öffentlichen Raum - auf der Albertina-Bastei - ein seltsames Gebilde aus Metallstangen, in dem eine schwarz bekleidete Person kopfüber hängt. Es ist die Choreografin und Performerin Saskia Hölbling, die ihren Abend "body in a metal structure" beim ImPulsTanz-Festival zeigt.

Saskia Hölblings Abend (der gemeinsam mit Laurent Goldring erarbeitet wurde) bringt zwar gefährlich wirkende Klettermomente, jedoch keine zirkushafte Artistik: Es geht nicht um die Show, sondern um das Erobern und Erfahren des Gerüsts. Was sieht man? Saskia Hölbling schlingt und schwingt sich durch das große Metallgerüst, wirkt manchmal reptilienhaft, dann wieder offensiv. In wechselnder Bekleidung wird das Objekt erkundet, manchmal hängt sie kopfüber an den Stangen, dann springt sie, klettert, lässt sich fallen, erreicht den Boden. Immer wieder dazwischen der prüfende Blick auf das Gerüst, ein Kräftemessen, ein Abschätzen des Gegenübers. Und langsam ergibt sich das Rohrgebilde, wird aus einem baustellenhaft wirkenden Objekt zu einer Skulptur, die von Hölbling dekonstruiert wurde. Spannend, was sich zwischen gefährlich schwankenden Einzelteilen und dem festen Innenbau ereignet, wie die Bezwingung dieses meterhohen Objekts gestaltet ist. 

Oliver Lang


tanz.at

Unter freiem Himmel, auf der Terrasse der Albertina, ein metallenes Gerüst – Eine Skulptur von Gudrun Lenk-Wane, die es zu erobern gilt. Das Gestänge im ungewohnten Ort steht für die Hürden und Irritationen in der Stadt.

Egal, ob man die im Programmheft erläuterten Intentionen der Tänzerin und Choreografin Saskia Hölbling und des Medienkünstlers und Philosophen Laurent Goldring liest und versteht oder sich einfach von der metallenen Architektur inmitten der historischen Gebäude (von der Oper über die Hofburg zur Albertina) und des damit kommunizierenden Körpers einfangen lässt: „body in a metal structure“ ist eine faszinierende Performance. Ganz anders als bei der Voraufführung, die im geschlossenen Raum stattgefunden hat, wirkt schon die in den Himmel aufragende Skulptur, die von Nik Hummer zum klingen (seufzen, jammern, klopfen, singen) gebracht wird. 

Die Tänzerin, anfangs ganz in Schwarz gehüllt, hängt kopfüber, gefangen in dem Gestänge, klettert dann hoch hinauf, bis an die Spitze. Ist winzig klein und zerbrechlich inmitten der harten Materie. Noch kämpft sie mit den mitunter schwingenden, ausweichenden Teilen, tastet vorsichtig mit Füßen und Händen, wird immer sicherer. Während der Mond dunstig umrahmt herauf segelt, zieht sich die Turnerin einen Rock an, wird zur Frau, die sich anschickt mit der Materie zu kommunizieren, Vertrauen aufzubauen, sie zu erobern. Geschmeidig gleitet der Körper durch das Labyrinth der kunstvollen Architektur, bietet sich der längst nicht mehr feindlichen Materie mit geöffneten Beinen dar, um sich, wenn das letzte Tageslicht geschmolzen ist, der Kleider zu entledigen, in schwarzer Spitzenunterwäsche wieder kopfüber an den Stangen zu hängen. Nicht mehr als Gefangene sondern jetzt als freiwillig Hingegebene. Der Körper ist Eins mit der metallischen Struktur. 



Ditta Rudle