jours blancs: reviews

ballet tanz

Im intensiven Ringen zwischen Scham und Intimität entwickelt die Österreicherin simple, symbolische und konkrete Bilder von frappierender Tiefe. Die Stimmungen spannt Hölbling bis zum Zerreißen.
„Jours Blancs“ gehört zu den wenigen Performances, die wahrlich Gänsehaut entstehen lassen. Werner Schwab hat posthum eine kongeniale Tanzpartnerin gefunden.

Thomas Hahn


Liberation

Saskia Hölbling setzt ihre Forschungen zum Thema Weiblichkeit fort. In « Jours Blancs », einem kompromisslosen Stück von äußerster Subtilität, situiert sich die Künstlerin im Kontext ihres Landes.

Marie-Christine Vernay

Danser


„Jours Blancs“ von Saskia Hölbling. Die Kraft dieses Solos beruht zunächst auf der unglaublichen Präsenz der Interpretin, die die Bühne eine gute Stunde lang beherrscht, ohne dass die Spannung je nachlässt. Die Choreografie beeindruckt durch ihre Stringenz und wird durch eine intelligente Szenografie und Tonspur optimal ergänzt. Saskia Hölbling zeigt uns die repetitiven Automatismen des Alltags einer Frau, der allmählich aus den Fugen gerät. „Jours Blancs“ ist ein sehr schönes Stück über die Einsamkeit und Abkapselung des Einzelnen in der zeitgenössischen Gesellschaft.

Maxime Fleuriot


Wiener Zeitung

Schmerz und Verlangen, Angst und Frustration wechseln einander ab. Einfache Tätigkeiten werden so lange wiederholt, bis der eigene Körper nur noch eine fremde Membran ist.
Die Choreographie glänzt durch präzise ausgeführte und durchdachte Abläufe, die schockieren und faszinieren zugleich. Saskia Hölblings Präsenz und Ästhetik verleiht der Performance eine ausdrucksstarke Schwingung, der man sich nicht entziehen kann.

Helene Kurz

                                         
Mouvement
 
In „Jours Blancs“ erweitert die österreichische Performance-Künstlerin Saskia Hölbling den geteilten Blick auf das Intime. In „Jours Blancs“, ihrem neuen Stück, sondiert Saskia Hölbling eine Rauminstallation. Es wäre wünschenswert, dass weitere choreografische Arbeiten diesen Versuch mit derselben Intensität fortsetzen, um alle seine Aspekte auszuloten.

Der Boden : Chanel-Grau. Der Rest : sehr weiß, sehr Badezimmer, unterbrochen vom Blutrot einiger weniger Accessoires. Durch den ganzen Raum ziehen sich schräg gespannt rote Fäden. Verfolgbar. Diese Fäden unterteilen den Raum, projizieren imaginäre Ebenen, die die Tänzerin durchmessen wird. Die wichtigsten Requisiten: eine alte Badewanne aus Metall im Zentrum und Vordergrund der Bühne. Des Weiteren zwei Metallplatten, Spiegeln gleich, die nicht mehr imstande sind, ein Bild zurückzuwerfen. Blinde Spiegel. Schließlich ein  zweckentfremdetes Fernsehgerät, dem Rauschen seiner Leere überlassen, aus der bisweilen flüchtige Bildfolgen für Sekundenbruchteile hervorbrechen – mit aller Macht der Bildwelt (Vogelflüge, Rauchwolken aus Fabriksschloten, vom Wind gepeitschte Blumenfelder etc.).

Und wir – gefangen in diesem Raum, isoliert von der Außenwelt. Saskia zieht sich aus, gleitet in die Badewanne, von der nur der Boden mit Wasser bedeckt ist. Der schräge Blick von den Sitzrängen. Der zergliederte Körper. Arme und Beine, die über den Rand baumeln. Brüste, die sich in Szene setzen: ein Venushügel ebenso dunkel beeindruckend. Das Verlassen der Badewanne. Das Abtrocknen. Die Fortsetzung des Parcours. Der im Zentrum des Intimen stattfindet, jedoch distanziert, vorsichtig forschend. Entfernte Distanzen, Stützen, die keinen Halt versprechen, betonte Knie, versunkene Blicke. Ein Körper breitet sich in einem Raum aus. Er ist an der Peripherie. Methodisch am Nichts. Absichtslos, unspektakulär.

Das ist eine Frau, die sich an den Ausläufern ihres körperbetonten Morgens rekonfiguriert. Darauf könnte man sich einigen, um ihre Schönheit hervorzuheben, doch wer weiß. Um ihre Ganzheit wieder herzustellen, geduldig, stark ergriffen von der Verweigerung jeder Evidenz.
Diese Antithese zur Barbiepuppe fordert eine Neuerfindung des Blicks. Erscheint sie nicht selbst erstaunt zu sein über die Fremdheit der Form, die sie dem Fleisch ihres Unterleibs aufzwingt, indem sie dort den Umriss eines Dreiecks mit Klemmen absteckt, die ihre Haut durchbohren? Körper einer Einschreibung.

„Jours Blancs“ ist nicht ohne erotische Projektionen nachzuvollziehen. Allerdings solcher, die erst zu erfinden sind zu diesem Bild, das alle erwartbaren Konventionen der symbolischen Konstruktion von Körpern ablöst und verschiebt. Dies ist die einzige Möglichkeit, um außerhalb des normierten heterosexuellen Rahmens – der in diesem Fall ungeeignet ist – eine einsame weibliche Intimität zu erfassen, die dem öffentlichen Blick unerhörte Unmöglichkeiten andeutet. Eine maskuline Kritik, die abwechselnd alle Blickwinkel erprobt, die sich ihr aufdrängten, kommt zu dem Schluss, dass sie letzten Endes an diesem Abend so frei war, sich eine lesbische Perspektive (einen Blick als Imaginationsmaschine) zu eröffnen – und es auch falsch gewesen wäre, darauf zu verzichten.

„Jours Blancs“ durchbricht die Ordnung der Dinge durch eine schöne und kalte Kraft, die von    einer in sich gekehrten Intelligenz und einem herausgeforderten Körper zeugt.

Gérard Mayen