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Die lösungsorientierte Vernetzungsmaschine

Helmut Ploebst, Der Standard, 07.03.2017

 


Beeindruckende Uraufführungen von Saskia Hölbling im Semperdepot 
Es ist eine Falle. Zwei Männer und zwei Frauen verheddern sich in einem großen Netz aus schwarzen Stricken, das eine verborgene Arachne in einen weiten, unheimlichen Raum gespannt hat. Diese Installation hat sich die Wiener Choreografin Saskia Hölbling für ihr neues Stück Corps suspendus von Gudrun Lenk-Wane in eine Halle des ehemaligen Semperdepots montieren lassen. Organisiert wurde die Uraufführung von Impulstanz, die hintergründigen Klanggewebe darin stammen von Wolfgang Mitterer.

Die versteckt bleibende Spinnerin ist der Schlüssel zu diesem Stück, mit dem auf die Verödung des großen Vernetzungsenthusiasmus der vergangenen zweieinhalb Jahrzehnte angespielt wird: Auf die, wie Hölbling zu dieser Arbeit schreibt, "vielen Ichs zwischen Konsum-Oasen und Müllhalden" und auf "die Vielen im Treibsand zwischen Erfolg und Überflüssigkeit". Anzunehmen also, dass die abwesende Arachne hier für das steht, was bei unserem globalisierten Netzwerkgetriebe im Verborgenen die Fäden zieht und davon profitiert.

In den Netzen der Profiteure treiben die Überflüssigen in Gestalt von vier "Corps suspendus". Das französische Wort suspendre bedeutet auf- oder abhängen, aber auch unterbrechen, verschieben oder sperren. Die Figuren in Hölblings Gespinst sind definitiv Angehängte, die sich ihres Abgeschobenseins noch nicht bewusst sind. Sie hangeln in ihrem gefährlichen Habitat, drängen sich manchmal zusammen, verlieren einander jedoch schnell wieder, geraten auf den Boden, ohne diesen wirklich wahrzunehmen.

Sie können vom Netz nicht lassen, denn es ist ein Fetisch, der seine Bewohner benommen macht. Hölbling nennt es "eine kleine Weltmaschine". Die darin Abgehängten tragen das Schwarz dieser Maschine, die sie nie ins Gleichgewicht kommen lässt, die weder Halt noch Ruhe erlaubt und die suggeriert, es gäbe kein Außen. 

 

In der Weltmaschine

Karl-Heinz Roschitz, Kronen Zeitung, 05.03.2017

 

Zwischen gusseisernen Säulen im Parterresaal des historischen Semperdepots in der Lehárgasse sind Seile gespannt. Ein Dickicht, in dem vier PerformerInnen eine Art Überlebenstraining üben. Sie sind in Saskia Hölblings „Weltmaschine“ geraten und zeigen - als ImPulsTanz Special - das Stück „Corps suspendus“.

Choreografin Saskia Hölbling lässt den Zuschauer da immer wieder etwas unbestimmtes Bedrohliches spüren. Gefahr! So zitiert sie erklärend das Spannungsfeld „zwischen Konsum-Gassen und Müllhalden“, das Unterwegssein im „Treibsand zwischen Erfolg und Überflüssigkeit“, die vielen „Trumps und Ungesichter“ in einer ideologisch verrohten Welt.

Wir sind „ausgeliefert der Weltmaschine“, in deren Netzwerk schwarz gekleidete  Tänzer vorsichtig durchrobben und sich durchmanövrieren, um nicht abzustürzen. Gudrun Lenk-Wane entwarf für dieses Spiel vom Überleben das Netzwerk aus Seilen, die im Säulengestänge verankert sind.

Mit erstaunlicher Sicherheit und Eleganz turnen, robben, klettern, hanteln die vier Performer durch das Netzwerk. Und lassen dabei durchaus literarische Bezüge erkennen - unwillkürlich erinnert man sich der Nornen in Wagners „Götterdämmerung“, die Schicksalsseile ziehen und Netzwerk spinnen. Allerdings beschwört Hölbling nicht die Wagnersche Katastrophe, das Reißen des Seils, das das Ende der Alten Welt ankündigt.

„Corps suspendus“ - so der lateinische Titel - zeigt das Ausgeliefertsein an die Weltmaschine, in der die vier - Anna Hein, Leonie Wahl, Jan Jakubal, Ardan Hussain - auf Sinnsuche und Bestätigung ihrer Existenz unterwegs sind.

Wolfgang Mitterer, prominenter Organist, Elektroniker und Komponist, gestaltete die Musik vom Band: Ein Wechselbad aus raffinierten Klängen, Farben, Instrumententönen, Geräuschen, ein kunstvoll gestaltetes, in sich beziehungsreiches Klangnetzwerk für Hölblings Inszenierung und Choreografie. Viel Beifall.

 

Abhängen in den Lebensseilen

Peter Jarolin, Kurier, 05.03.2017

 

Nein, wir sind nicht im Zirkus, und es ist auch keine reine Akrobatikshow. Und das, obwohl Choreographin Saskia Hölbling (DANS.KIAS) ihren Performerinnen und Performern bei ihrer neuen Arbeit „Corps suspendus“ jede Menge Körperbeherrschung abverlangt. Denn es ist gar nicht so einfach, durch die Seillandschaft des Lebens zu turnen, ohne in massive Absturzgefahr zu kommen.

Eine kleine „Weltmaschine“ hat Gudrun Lenk-Wane im Atelierhaus der Akademie der Bildenden Künste (besser bekannt als Semperdepot) errichtet. Ein Geflecht aus Seilen, das bei dieser ImPulsTanz-Produktion als Metapher für die Verstrickungen und Herausforderungen des Lebens dient.

Diese Seilschaft gilt es, zu erklimmen, zu durchdringen. Doch der Weg an die Spitze kann allein nicht funktionieren. Gruppen müssen gebildet werden, ein Kollektiv entsteht. Nur mit vereinten Kräften soll die Seillandschaft erobert werden, doch es bilden sich immer wieder Seilschaften, auch Paare.

Abhängigkeit
In kurzen (Augen-)Blicken der Nähe zeigt Hölbling Momente gegenseitiger Abhängigkeit, körperlicher Auslieferung. Immer wieder aber wird die potenzielle und vielleicht tatsächliche Geborgenheit durch neue Alleingangsversuche im Seil-Labyrinth durchbrochen. Doch wer steht zuletzt ganz oben? Und wer stürzt gänzlich ab? Gibt es so etwas wie Solidarität?

Das sind Fragen, die sich Hölbling in „Corp suspendus“ stellt, die ihre vier exzellenten, in Schwarz gekleideten Performer (Anna Hein, Ardan Hussain, Jan Jakubal, Leonie Wahl) auf sehr akrobatische Weise und in stets neuen Konstellationen zu beantworten versuchen.

Wolfgang Mitterer hat dafür eine Komposition, fast einen Soundtrack geschaffen, der einzelne Aktionen suggestiv verstärkt, der aber auch zur Initialzündung für neue Bewegungsmuster werden kann. Die Lichtregie von Gerald Pappenberger baut zudem schöne Stimmungsbilder auf, sorgt für reizvolle Schattenspiele und Projektionen auf den Wänden.

Das mag ein wenig anstrengend klingen, und ist es teilweise auch. Genaues Hinsehen ist gefordert. Wer sich jedoch auf Hölblings klare, strukturelle Formsprache einlässt, wird reich belohnt und kann zwischen den Seilen richtig gut abhängen.