bodies (with)in fences

2015 hat Arno Böhler die Arbeit "bodies (with)in fences" zu seinem Festival "Philosophy on stage" eingeladen

VON ARNO BÖHLER

Es gab gute Gründe, warum wir das Stück "bodies (with)in fences" von DANS.KIAS - unter der künstlerischen Leitung von Saskia Hölbling - zur Eröffnung unseres Forschungsfestivals "Philosophy On Stage" am Tanzquartier Wien ausgewählt hatten. Denn das Stück war für uns, die wir uns im Anklang an Nietzsche auf die Suche nach der Figur der „Künstlerphilosoph*in“ begeben hatten, ein symbolträchtiges Stück. Es brachte entscheidende Züge unserer Zeit unzeitgemäß zur Anschauung: Stahlgitterzäune, wie wir sie von Baustellen kennen, in Reih und Glied aneinandergereiht. Tänzer*innen, die sich in mühseliger Sisyphusarbeit durch Gitterzäune winden: fallend, sich wiederaufrichtend, fallend, gemeinsam fallend, allein fallend, chronisch fallend; sich wiederaufrichtend, allein, gemeinsam. Chronisches Auf und Ab. Unaufhörlich. Wieder, und immer wieder. Ein Seiltanz, nahe am Abgrund. Nahe am Stürzen.

In "bodies (with)in fences" scheint die Welt tatsächlich alles, was der Fall ist. Menschen gehen nicht mehr aufrecht auf der Erde, sie wälzen sich vielmehr durch ein Gebirge von Stahlgitterzäunen. Zaun an Zaun, einer, dicht an den anderen gereiht. Ein Unraum, unwirtlich, karg, glatt, metallisch kalt. Mitten in ihm drei Tänzer*innen, die sich akrobatisch durch diesen dystopischen Lebensraum bewegen, keine Gefahr meidend. Die Unversehrtheit ihrer Körper riskierend. Virtuos, geschickt, gelenk, mit Abgründen spielend. Die Haut der Tänzer*innen in gepolsterte Kostüme gesteckt, zum Schutz vor dem Fallen, dem Fallen, und wieder dem Fallen. Wie stählerne Klingen geraten die Zäune durch die Bewegungen der Performer*innen ins Wanken. Zaun um Zaun, lautstark klirrend, zzzzzz–zzz–zz-z, der letzte Buchstabe unseres Alphabets. Ein wankendes, apokalyptisches Zeichen? Deutungslos? Bedeutungsvoll?

Das akustische Gewebe aus Heavy Metal Klängen peitscht die drei Tänzer*innen atmosphärisch an. Zischende Gitter, bestürzende Bilder. Auch das Publikum vermag sich dem Sog dieser Bilder und Klänge kaum zu entziehen. Es zittert und bangt mit den Künstler*innen mit, die sich vorbehaltlos riskieren. Gerade so, wie im Zirkus, wenn sich Seiltänzer*innen im Hochseilakt der Gefahr aussetzen, in den Abgrund zu stürzen. Ohne Auffangnetz. Nahe dem Abgrund. Nahe dem Absturz. Die Unversehrtheit der Körper steht auf dem Spiel, das Spiel mit der Gefahr.

Und doch. Die Bilder, die im Zuge der Aufführung "bodies (with)in fences" entstehen, sind bestürzend schön. Der Abgrund, der den Zuschauenden in diesem unwirtlichen Lebensraum vor Augen geführt wird, entbehrt nicht seiner eigenen Magie, Anziehungskraft, Sogkraft, ja Anmut: Da trotzen Menschen dem Gestell einer aus Stahlgitterzäunen bestehenden Welt;
da bäumen sich Künstler*innen auf; da bringt eine Gruppe verwegener Tänzer*innen Gitterzäune zum Wanken, nahe dem Punkt, wo die Gitter selbst ihr Gleichgewicht verlieren und umzustürzen drohen; da entlockt ein entschlossener Haufen wagemutiger Artist*innen diesem unwirtlichen Milieu Klänge, als würden die Klingen auf einem Schlachtfeld gewetzt. Die eiserne Kälte ihres Habitats hält keinen von ihnen zurück, mit ihrem Milieu artistisch zu spielen; da setzt sich eine entschlossene Masse spielerisch-ermutigend gegen ein Verhängnis zur Wehr, in dem sich die Tänzer*innen selbst verfangen haben, zwischen Gitterstäben hängend.

Unweigerlich setzt uns die prekäre Lage der drei Performer*innen in der Halle G des Tanzquartiers Wien in Resonanz mit all den Gitterstäben und Stahlzäunen, die außerhalb dieser Halle G von Menschen hochgezogen werden – immer noch. Wieder. Und immer wieder: An Staatsgrenzen, an den Grenzen ganzer Kontinente, in den unzähligen Lagern, in denen der Ausnahmezustand zur Regel geworden ist – in Flüchtlingslagern, Gefängnislagern, Konzentrationslagern, Quarantänelagern… . Die Erde. Planetarisch geflutet von Zäunen. Ein Lager, umzäunt, und noch ein Lager, und noch eines. Jedes einzelne von ihnen umzingelt von Zäunen. Ghettos, geschaffen, um die Populationen der Lagerbewohner*innen im Zaum zu halten.

Zäune. Gitter. Stacheldraht. Zaun an Zaun, lautstark klirrend, zzzzzz–zzz–zz-z, der letzte Buchstaben unseres Alphabets. Ein klirrendes, wankendes Zeichen? Deutungslos? Bedeutungsvoll? In-sich-geschlossene Systeme. Kaum ein Entrinnen. Kaum ein Entkommen. Am Ende wartet der Zaun. Saturierte Immanenz, die sich gegen jegliches Außen wendet. Rigoros. Ein für alle Mal. Bis hierher und nicht weiter. Die Grenzen von Lagern sind unüberwindlich. Sie unterwandern jede Durchlässigkeit. Der Austausch zwischen Innen und Außen versiegt. Ihre Porösitat geht gegen null.

"bodies (with)in fences" setzt die Zuschauer*innen dieser verhängnisvollen Welt eines endlosen Auf und Ab aus, das sich zwischen Zäunen abspielt, in denen sich menschliche Körper in Endlosschleifen zwischen Zäunen verfangen haben. Chronisches Auf und Ab. Wieder, und immer wieder. Gefangen in einer Bewegung, die kein Ziel, kein Ende, kein Entrinnen kennt. Ein Zaun folgt dem nächsten. Die Überwindung des einen führt lediglich zum nächsten. Chronische Mühsal eines ewigen Auf und Ab, gerade so, als ob sich in bodies (with)in fences der Mythos von Sisyphos, und nicht nur dieser, noch einmal ins Bild setzen würde.

Denn auch KRONOS, ER, der Gott, von dem der Mythos sagt, ER sei nicht nur der Vater aller Chronologien, sondern lasse diese zudem „kronisch“ wiederkehren, gleich Phönix aus der Asche, auch ER scheint in diesem Stück zurückzukehren: Denn war es nicht diese „kronische“, in endlosen Möbiusschleifen verlaufende Bewegung, die in bodies (with)in fences auf artistische Art und Weise ins Werk gesetzt war? Endliche Bewegungen, gefangen in einer unendlichen Schleife der Zeit (Kronos), aus deren Wiederkehr es kein Entrinnen gibt? Sisyphos, Kronos, Phönix aus der Asche, die ewige, maschinelle Wiederkunft des Gleichen, ist es nicht diese Zeitlichkeit, die in bodies (with)in fences „kronisch“ beschworen und uns vor Augen gestellt wird? Das „kronisch“ Unbewusste. ES, dieses maschinelle ES, das die ewige Wiederkehr der Zeit bejaht. Ein unbedingter Wiederholungszwang, dem Freud den Namen Todestrieb gab, in dem sich das Leben selbst – das Unbewusste kennt keinen Tod – „kronisch“ (wieder-)bejaht. Triebhaft, wieder, und immer wieder, da capo rufend.

War dies nicht ein krönender Beginn für unser Forschungsfestival "Philosophy On Stage", in dem etwas von dem abgründigsten Gedanken Nietzsches, dem Gedanken der ewigen Wiederkunft des Gleichen, zur Aufführung kommen sollte? Die Zeit eines „kronischen“ Werdens, Entstehens, Vergehens? Die Zeit selbst – ein „kronisch“ wiederkehrendes Ereignis?

Wer könnte mit ihr spielen, mit der „kronischen“ Wiederkehr der Zeit? Immer wieder, fallend, einsam fallend, gemeinsam fallend, chronisches Auf und Ab. Ziellos. Endlos. Ohne Außen. On. Off. On. Off. On. Off…

Danke, DANS.KIAS, für die vielen besonderen Momente, mit denen ihr mich in den letzten 25 Jahren mit Eurer Arbeit konfrontiert habt.