Der Körper in seinen Erweiterungen

Saskia Hölblings Erzählung von "body in a metal structure" bis "Da-nach"


VON HELMUT PLOEBST

Drei grundlegende Lebensräume bestimmen den menschlichen Körper: erstens seine natürlichen, zweitens seine sozialen Umgebungen und drittens die Strukturen seiner Extensionen (Marshall McLuhan). Diese Dimensionen erfasst jedes Individuum durch sinnliche Erfahrungen und deren Verarbeitung über das System der sozialen Kommunikation (Niklas Luhmann).

Die Dynamiken der sozialen Kommunikation bestimmen, welche der drei Umgebungen vorrangige Geltung hat. In der Frühphase der Menschheitsgeschichte war es die Natur, mit der Organisation von Sozietäten wachsender Größe wurde es die Soziosphäre. Seit der Industriellen Revolution bildet eine immer dichter werdende Umgebung von Körpererweiterungen das dominante Umgebungsprinzip.

Mit Hilfe dieser Denkfigur lässt sich Saskia Hölblings jüngste Werkphase gut erfassen. 2012 startete die Choreografin in Kooperation mit dem Künstler Laurent Goldring ein dreiteiliges „Squatting Project“, in dem sich die Spannungsverhältnisse zwischen dem Körper und den Strukturen seiner Extensionen widerspiegeln: „body in a metal structure“, „bodies with(in) fences“ (2013) und „bodies in tubes“ (2014): Ein Körper bewegt sich innerhalb einer Pyramide aus Baugerüststangen, drei Figuren drängen sich auf einer Barriere aus eng hintereinander gestellten Metallzaunfeldern und zwei Frauen arbeiten ihre Körper durch eine Skulptur aus an Ketten befestigten Schuttröhren.

Alle drei Arbeiten demonstrieren das Gefangensein des Körpers in seinen Erweiterungen. Gerüst, Zaun und Röhren sind Beispiele für industrielle Körpererweiterungen, mit deren Hilfe Sozietäten organisiert werden. In ihrem Folgewerk „assemblage humain“ (2015) zieht Hölbling eine Metapher des Anderen in Form einer Puppe – sozusagen als Lacan’sches Objet petit a – heran. Dieses kleine andere wird durch Bekleidung geschlechtlich konnotiert und ausgeweidet. Mit den aus dem Puppenkörper geholten Dingen schafft sich die Tänzerin eine erweiterte Identität.

Bei „corps à corps“ (2016) vervierfacht sich der Körper und bildet zusammen mit einer Puppen-Tetrade ein Soziotop des Begehrens. Hier kehrt auch das Gestell aus „body in a metal structure“, dekonstruiert und in zwei Elemente geteilt, zurück. Über die Szene ist ein Rahmen aus Gummibändern gespannt. In „corps suspendus“ (2017) ist dieses Raster zu einem raumgreifenden Gespinst erweitert, in dem sich vier Figuren bewegen. Die Puppen aus „corps à corps“ sind verschwunden, ihre Stelle nehmen nun reale, „hängende“ (suspendus) Körper ein.

Auch das in „assemblage humain“ durch die Ausweidung des Objet petit a gewonnene symbolische Material differenziert sich aus. Es erweitert sich zu einem kleinen Universum der Dinge, „things“ (2018). Dieses zeigt ironisch an, wie weit die menschliche Soziosphäre durch einen Ramschladen aus Zeug ersetzt ist, in dem die darin Gefangenen einander ihre Leben vorspielen. Die Vermüllung durch die alles beherrschende Umgebung der Körpererweiterungen hat in „da-nach“ (2019) einen Kipppunkt überschritten. Die verdrängt geglaubte Umgebung der Natur ist zurückgeschwappt. Vier Erwachsene und ein Kind suchen in den Resten der Dinge zu überleben und müssen sich einer vagen Hoffnung überlassen.

Über einen Zeitraum von acht Jahren und mit ebensovielen Stücken hat Saskia Hölbling konsequent die Fäden einer großen Erzählung zusammengesponnen: eine Geschichte des Zusammenbruchs unserer hypertrophen Umgebung aus Körpererweiterungen. Poetisch, fokussiert und wenig beeindruckt vom identitären Mainstream im Tanz der Zehnerjahre.